REWE erfindet Hühnerrasse, die es nicht gibt

REWE erfindet Hühnerrasse, die es nicht gibt
(von Clemens G. Arvay)

Rechtzeitig vor Ostern veröffentlichte die Bio-Marke Ja!Natürlich (REWE-Österreich) eine PR-Aussendung: „Bio-Eier, mit Liebe gemacht“, heißt es jetzt auf Verpackungen. Es steht zu befürchten, dass Konsumenten durch die Werbetexte und Produktaufschriften in die Irre geführt werden. Besonders problematisch sind der von Ja!Natürlich frei erfundene Marketing-Name „Moosdorfer Haushuhn“ sowie die Behauptung, es handle sich um eine „wiederentdeckte Rasse“.

„Aufzucht von Haushuhn und Gockelhahn“, steht auf den Packungen der betreffenden Eier. Mit den „Bio-Eiern, mit Liebe gemacht“ hat der REWE-Konzern unter seiner Eigenmarke Ja!Natürlich die Problematik der industriellen Vernichtung von männlichen Küken aufgegriffen, die keine Eier legen können und daher auch in der Bio-Produktion als wertlos betrachtet werden. Diese auch bei Ja!Natürlich vorherrschende Praxis prangere ich seit Jahren öffentlich an, weshalb ich den Einsatz von alten Rassen und lang erprobten Zweinutzungshühnern fordere, die sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen.

Im Rahmen des Pilot-Projektes von Ja!Natürlich sind nun als Nischenprodukt zu geringen Anteilen auch Eier eines Zweinutzungshuhns erhältlich. Die Umsetzung dieser an sich begrüßenswerten Idee überzeugt mich aber nicht. Zu sehr wird mit Formulierungen und Werbedarstellungen gearbeitet, die in die Irre führen könnten. So spricht Ja!Natürlich (REWE) vom „Moosdorfer Haushuhn“. Zu bemängeln ist, dass es aber gar kein Moosdorfer Haushuhn gibt. Diesen Namen hat die PR-Abteilung von Ja!Natürlich einfach erfunden.
Ich kontaktierte den deutschen Züchter des betreffenden Huhns und befragte ihn. Der Züchter distanzierte sich von dem frei erfundenen Begriff „Moosdorfer Haushuhn“ und sagte wörtlich: „Damit will ich nichts zu tun haben, meine Züchtung hat gar keinen Namen und von einem ´Moosdorfer Haushuhn` habe ich überhaupt erst über die Zeitungen erfahren.“ Der Mann betreibt seinen Zuchtbetrieb auch nicht in einem Ort namens „Moosdorf“, sondern in Moosburg in Deutschland.
Laut Auskunft des deutschen Züchters selbst, handelt es sich um eine Dreilinienkreuzung, eine so genannte „Hybridzüchtung“, die er neu entwickelt hat. Das dabei entstandene Huhn lässt sich nach der ersten Generation nicht mehr reinerbig weiter vermehren, wie es für Hybriden typisch ist, so erklärte der Geflügelzüchter. Daher kann biologisch auch nicht von einer Rasse gesprochen werden.
Die Bezeichnung „Moosdorfer Haushuhn“ weckt aber völlig falsche Erwartungen. Sie klingt nach reinerbiger Hühnerrasse, wie es etwa das Sulmtaler oder das Altsteirer Huhn wäre. Ja!Natürlich legt sogar noch nach und beweist, dass der irreführende Eindruck von der „alten Rasse“ gewollt ist. Auf Facebook schreibt das Unternehmen von einer „wiederentdeckten Hühnerrasse“.

Screenshot der Facebook-Seite von Ja!Natürlich (REWE)

Die Bezeichnung „Moosdorfer Haushuhn“ ist frei erfunden. Der deutsche Züchter selbst hat von diesem Namen erst aus der Zeitung erfahren und spricht von einer „neuen Hybridkreuzung“. Auf der Facebook-Seite von Ja!Natürlich ist von einer „wiederentdeckten Hühnerrasse“ die Rede (siehe Screenshot vom 29.03.2013)

Die betreffenden Bio-Eier werden über die Geflügel GmbH in Schlierbach (Oberösterreich) an Ja!Natürlich geliefert, die unter verschiedenen Handelsnamen auftritt und 50% des österreichischen Eiermarktes in der Hand hat. Jedes zweite Ei, egal ob bio oder konventionell, kommt von dort. Es ist auch nicht weiter verwunderlich, dass die Masthähnchen des „Moosdorfer Haushuhns“ in einem Industrieschlachthof am Fließband getötet werden.

Einen ähnlichen Fall gibt es aus dem Bereich Geflügelfleisch zu kritisieren. Die braungefiederten Abkömmlinge der Hybridhuhn-Linie „JA-757“ eines internationalen Agrar- und Pharmakonzerns werden im Marketing in Österreich als „Schlierbacher Bio-Wildhendl“ angepriesen.

Betreffend den aktuellen Fall befürchte ich, dass Konsumenten unter Umständen jetzt den falschen Schluss ziehen könnten, für Bio-Eier von Ja!Natürlich würden Küken nicht mehr am Fließband getötet. Der allergrößte Teil der Produktion für Ja!Natürlich bleibt aber genauso industriell, wie er immer war. Ich habe Stichproben in mehreren MERKUR-Filialen in Österreich gemacht. Die Eier der angeblichen „wiederentdeckten Rasse“ mit der erfundenen Bezeichnung „Moosdorfer Haushuhn“ machten insgesamt nur 2,2 Prozent der in den Regalen vorgefundenen Eier aus. Bei BILLA fand ich die Eier hingegen überhaupt nicht [Stand: 29.03.2013]. In der Gesamtproduktion von Bio-Eiern für Ja!Natürlich nimmt das Produkt mit der Bezeichnung „Eier, mit Liebe gemacht“ also einen sehr geringen Anteil ein.

Industrie und Handel wittern inzwischen, dass Konsumenten die Fließbandproduktion von Küken bald nicht mehr dulden werden. Da kommt noch einiges an Greenwash auf uns zu. Selbst der weltumspannende Agrar- und Pharma-Gigant Lohmann züchtet derzeit an einem Hybridhuhn für die Zweinutzung als Lege- sowie Masthuhn, das den Namen „Lohmann Dual“ tragen wird. Mit dem Erhalt der Rassenvielfalt oder gar mit einer Absage an die industrielle (Bio-)Landwirtschaft hat das alles aber nichts zu tun.
Besonders problematisch ist, dass NGOs und Tierschutzorganisationen ihre Namen für derlei Image-Projekte der Industrie und des Handels gegen Geld hergeben. So ist das REWE-Projekt des „Moosdorfer Haushuhns“ etwa von Vier Pfoten begleitet und durch das Zeichen der NGO ausgewiesen. Das Pestizid-Reduktions-Projekt von Global 2000 ist zum größten Teil von REWE finanziert und wird auch exklusiv für REWE durchgeführt. Die Beispiele sind zahlreich und wären einen eigenen Beitrag wert.
Die Konsumenten sind gefordert, den NGOs einen Schritt voraus zu sein und das System „Supermarkt“ als solches in Frage zu stellen. Ich werde zu Ostern gewiss kein Ei im Supermarkt kaufen – auch kein Bio-Ei.

Mehr zum Thema in:

Clemens G. Arvay: Friss oder Stirb – Wie wir den Machthunger der Lebensmittelkonzerne brechen und uns besser ernähren können. Ecowin-Verlag, 2013