Der Selbstversorger (Wolf-Dieter Storl)

Ein Buch über das Säen, Pflanzen und Ernten

Rezension von Clemens G. Arvay

„Damit etwas Neues entstehen kann, muss Chaos geschaffen und die alte Ordnung aufgelöst werden.“ Selbst scheinbar banale Tätigkeiten wie das Umstechen behandelt der promovierte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl in seinem Buch „Der Selbstversorger“ nicht ohne philosophische Naturbetrachtungen. Storl ist ein „Gartenpoet“. Das wird von der ersten bis zur letzten Seite spürbar. Und genau darin liegt die Besonderheit dieses umfassenden Führers durch das gesamte Gartenjahr. Kein anderes Gartenbuch vermittelt so viele praktische Ratschläge und befasst sich zugleich mit der geistigen und kulturellen Beziehung des Menschen zu seinen Gartenpflanzen.
Wolf-Dieter Storl teilt das Gartenjahr nach dem „phänologischen Jahreskalender“ in zehn Phasen ein, die an den Erscheinungen der Natur festgemacht werden. Damit bringt er altes bäuerliches Wissen, das hierzulande längst in Vergessenheit geraten ist, auf verständliche Weise wieder unter die Gartenfreunde und Selbstversorger. Alleine das Frühjahr lässt sich von Natur aus in drei Phasen untergliedern: Vorfrühling, Erstfrühling und Vollfrühling. In jeder dieser Phasen durchläuft die Entwicklung der Gartenvegetation unterschiedliche Stadien, in denen der naturverbundene Gärtner bei der Arbeit auch unterschiedliche Schwerpunkte setzen sollte. „Der Selbstversorger“ ist ein Buch für all jene, die sich wirklich im Einklang mit der Natur mit Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten versorgen möchten.
Storls Antworten auf wichtige Gärtnerfragen fallen stets differenziert und wohlüberlegt aus.

Selbst scheinbar banale Tätigkeiten wie das Umstechen behandelt der promovierte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl in seinem Buch „Der Selbstversorger“ nicht ohne philosophische Naturbetrachtungen.

Wolf-Dieter Storl ist promovierter Ethnobotaniker und lebt im Allgäu.

Das Umstechen beispielsweise – das Schaffen von Chaos – ist keineswegs immer notwendig und manchmal sogar kontraproduktiv. In anderen Situationen ist es unumgänglich. Leichte, sandige Böden sollten besser mit verschiedenen im Buch beschriebenen Werkzeugen gelockert werden, ohne den Boden zu wenden. Schwere, tonhaltige Böden hingegen brauchen diesen Eingriff, um ausreichend durchlüftet zu werden. Nutzen Sie das Umstechen aber gleich, um nahrhaften Kompost einzuarbeiten. Den richtigen Zeitpunkt dafür sowie die Anleitung zur Kompostierung liefert „Der Selbstversorger“ gleich mit.
Alle Arbeitsschritte von der Anzucht eigener Jungpflanzen bis hin zum Ernten und zur eigenen Saatgutproduktion werden anschaulich beschrieben und durch zahlreiche Bilder verständlich gemacht. Die Mischkultur – also das gemeinsame Setzen guter Nachbarspflanzen – ist Storl ein besonderes Anliegen. Anhand von Tabellen findet der Leser schnell die Übersicht, welche Pflanzen einander positiv beeinflussen und welche man eher nicht nebeneinandersetzen sollte. Kopfsalat, Chicoree und Endivien vertragen sich zum Beispiel besonders gut mit Erdbeeren, Fenchel, Kohl, Möhren, Roten Beeten und Zwiebeln.
Während der Reise durch die zehn Phasen des Gartenjahres lockert der Autor das Buch durch lesenswerte Geschichten über seine liebsten Gemüsearten auf – der Kürbis gehört auch dazu. Er beschreibt die Heilwirkungen von Pflanzen, die oft auch wild im Garten wachsen und nicht übersehen werden sollten. Dazu finden sich Rezepte – beispielsweise für ein blutbildendes Brennessel-Elexier. Auch der Einsatz von Nützlingen zum Schutz der Pflanzen wird erklärt, wobei der Leser auf allerlei Tiere wie Hummeln und Bienen, Schwebfliegen, Schlupfwespen, Lurche und Regenwürmer trifft, welche die Biodiversität des Selbstversorgergartens fördern und die Ernte sichern.
Auf der beigelegten DVD finden sich Videosequenzen, in welchen Storl die einzelnen Arbeitsschritte aus allen zehn phänologischen Phasen des Gartenjahres vorführt.
„Der Selbstversorger“ ist ein lehrreiches Gartenbuch gespickt mit praktischen Ratschlägen für Anfänger ebenso wie für Fortgeschrittene. Weil Storl seine naturphilosophischen Überlegungen geschickt einfließen lässt, ist es an jeder Stelle spannend zu lesen. Das Thema „Selbstversorgung“ ist top-aktuell, zumal immer mehr Menschen nach Alternativen zum Supermarkt suchen. Wer Gemüse und Obst selbst produzieren will – auch in der Stadt – ist mit diesem Buch bestens beraten.
Vor einigen Jahren traf ich einen alten Bauern in seinem Garten. Er steckte seine Nase hoch und schnupperte eine wenig Gartenluft, während er sich aufmerksam umsah. „Ah, heute ist ein Wurzeltag!“, sagte er. Seit der Lektüre von „Der Selbstversorger“ verstehe ich besser, was er damit gemeint hat.

Clemens G. Arvay,
Biologe und Buchautor,
im Mai 2016

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